Die Jahresbilanz

[Transport Nr. 12 vom 28 Juni 2013] bestof9.eu: Im Schnitt 145.000 Kilometer haben die Zugmaschinen in Europas größtem Lkw-Praxistest bei der Spedition Reinert jeweils abgespult. Die Fahrzeuge zogen sich alltagsübliche Blessuren zu und erwiesen sich als besonders sparsam beim Verbrauch.

Wie sieht ein Testfuhrpark nach einem Jahr aus? Zeigen sich erste Falten? Sind erste Schönheitsoperationen notwendig? Immerhin haben die neun bestof9.eu-Trucks nun ein Drittel ihres Testlebens hinter sich. Die Fahrzeuge haben sich in den zwölf Monaten einige Blessuren zugezogen. Dennoch lässt sich eine relativ positive – vorläufige – Schadensbilanz ziehen: Viele Bagatellen und nur wenig wirklich ernsthafte Schicksalsschläge sind unseren Kandidaten zugestoßen. Und das Schicksal meint es unterschiedlich hart mit dem einzelnen, entsprechend mehr oder weniger „Faltenwurf“ im Blechkleid ist zu beobachten. Auch die Laufleistungen sind durchaus unterschiedlich, und zwar weniger bedingt durch abweichende Streckenverläufe als vielmehr durch Werkstattaufenthalte. Zwischen dem in dieser Hinsicht unauffälligen „DAF XF 105“ (154.000 Kilometer) und dem „Mercedes-Benz Actros“ mit Euro V (138.000 Kilometer) liegen immerhin gut zehn Prozent oder gut plus/minus fünf Prozentpunkte zum Flottendurchschnitt.

Lag der Actros mit Euro V noch bis einschließlich Dezember 2012 ganz oben auf Platz zwei der durchschnittlichen Monatslaufleistung, fiel er nun zum Einjährigen auf den vorletzten Platz zurück. Was war hier geschehen?

Zwei Wochen ausgefallen

Während kleinere Unfälle normalerweise nur wenig auf die erzielbare Laufleistung durchschlagen, ereilte den Actros mit Euro V ein Ausfall der Einspritzanlage, der einen immerhin zweiwöchigen Werkstattaufenthalt nach sich zog. In zwei Wochen fahren die bestof9.eu-Lkw im Schnitt 6.000 Kilometer. Die fehlen dann natürlich auf dem Tacho. Der Ausfall zweier Einspritzdüsen bewog die Mercedes-Werkstatt, gleich die ganze Common-Rail-Anlage auszutauschen. Lieferprobleme hätten dann zu der langen Ausfallzeit geführt. Als Ursache vermutet die Werkstatt verunreinigten Dieselkraftstoff, weshalb man auch gleich die Tankentlüftung entsprechend umbaute. Immerhin: Die Panne wurde auf Kulanz geregelt, samt CharterWay-Ersatzfahrzeug. Ebenfalls einiges aushalten musste der „MAN 18.440“: Er erlitt gleich zweimal, und zwar kurz hintereinander, einen Frontschaden. Der größere, mit seitlichen Schrammen bis hinter zum Palettenkasten, ereignete sich im Februar durch Abkommen von der Fahrbahn und einen längeren Intimkontakt mit der Leitplanke.

Kaum waren vorne rechts Spoiler, Stoßstange und Scheinwerfer repariert, touchierte der MAN einen steinhart gefrorenen Schneehaufen, was abermals zum Zerbröseln der rechten vorderen Plastikteile führte. „Sh... happens“ kann man da nur sagen. Die durchschnittliche Monatslaufleistung des MAN litt dadurch jedoch kaum und blieb im Vergleich des Zeitraums bis Dezember in etwa gleich – ein Verdienst der schnell arbeitenden MAN-Werkstatt.

Gefährliches Glatteis

Ähnliches Ungemach widerfuhr dem „Scania 420 SCR“: Denn er kam ebenfalls bei plötzlich einsetzendem Glatteis nach rechts von der Bahn ab und legte sich mit der Leitplanke an. Tiefe seitliche Schrammen bis zum Heck, ein geborstener Blinker rechts, gerissenes Plastik an der vorderen Ecke und angefräste Radbolzen machten ebenfalls einen Werkstattaufenthalt notwendig.

Gott sei Dank war nicht mehr passiert, auch wegen der Geistesgegenwart des Fahrers, der den Zug gestreckt halten konnte. Das war schon im Großen und Ganzen der Tribut an Glatteis und die winterliche Straßenverhältnisse. Aber geknitttert wird immer: Ein gebrochener Spiegelarm beim „Iveco“, eine „Feindberührung“ des Actros mit Euro VI in einer Engstelle mit einem Pkw, ein paar Kratzer an den Frontspoilern des „Renault“ und DAF sowie eine wegen Steinschlag ausgetauschte Windschutzscheibe beim Renault sind zur Jahresbilanz zu vermelden.

Nicht zu vergessen einige unvermeidliche Kratzer und Beulen an den Aufliegern, hervorgerufen durch oft zu enge Rangiersituationen an den Ladetoren oder Kollegen, die einem den Auflieger eindrücken und dann ohne Meldung abhauen. Auch das gibt es und nicht zu selten. Auffallend sind bisweilen auftretende Probleme mit dem Bordnetz. So mussten bereits wenige Tage nach Testbeginn Ende April die Batterien des DAF getauscht werden: Tiefentladung. Der Tausch erfolgte auf Kulanz. Beim Actros mit Euro V musste im Januar einmal die Starthilfe ran, der Sonntagsdienst deutet auf einen aktiven Stromverbraucher plus arktische Kälte über das Wochenende hin. Auch die Batterien des „Scania 440 AGR“ schwächelten: Nach einer Starthilfe mit Schnellladung im August 2012 mussten die Batterien im Februar 2013 erneuert werden. Bemerkung am Rande: Lobenswert ist, dass Scania mit der neuen Streamline-Generation nun die Stromkreise von Verbraucher- und Starterbatterien elektrisch voneinander trennt. Damit dürften leergesaugte Starterbatterien zumindest bei neuen Scanias der Vergangenheit angehören.

Einen Hinweis auf instabile Stromnetze geben auch zahlreiche Lampenwechsel bei diversen bestof9.eu-Kandidaten. Glühlampen leiden bekanntermaßen ja nicht unter Vibrationen oder Schlägen, sondern am meisten an Spannungsschwankungen. Instabile Bordnetze tragen also auch hier einiges zur Lebensdauerverkürzung bei.

Gutes Klima

Gute Nachricht für die heißen Sommermonate: Im April bekamen auch die beiden Actros eine Stand-Dachklimaanlage. Sie waren die einzigen bestof9.eu- Kandidaten, bei denen die Dachklimaanlagen nicht freigegeben waren. Nicht dass die Actros wegen überlanger Leerlaufzeiten über die letzten Sommermonate aufgefallen wären, aber freuen werden sich die Fahrer trotzdem über die Standklimaanlagen.

Schauen wir uns die Verbrauchsstatistik an. Absolut gesehen, also ohne den Einfluss des ohnehin sehr gleichmäßigen Ausladungsgrates, hat sich im Vergleich zu den Dezemberzahlen nicht allzu viel getan. An der Spitze verdrängte der Actros mit Euro V den Euro-VI-Kollegen vom ersten Platz. Die beiden liegen mit 0,4 Prozent oder 27,8 zu 28,0 Litern sehr knapp beieinander. Rang drei behauptet der MAN, Rang vier ebenfalls unverändert der Renaul. Aufgemerkt: Insgesamt beträgt der Abstand vom „Schlechtesten“ zum „Besten“ nur 6,1 Prozentpunkte, nämlich 29,58 Liter auf 100 Kilometer für den DAF gegenüber 27,84 Liter für den Actros mit Euro V.

Ladung berücksichtigt

Verrechnen wir den absoluten Verbrauch mit der durchschnittlichen Ausladung (Ranking nach Wirtschaftlichkeitsfaktor), liegen die Fahrzeuge noch enger beieinander.

Gerade mal fünf Prozentpunkte trennen das Schlusslicht Scania 440 AGR vom führenden Actros mit Euro V. Die Reihenfolge im Vergleich zum Dezember 2012 änderte sich nur leicht. Actros Euro V, Scania 420 SCR und der Renault belegen die Plätze eins bis drei, und zwar mit marginalen Abständen von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten. Im Dezember lag der Renault noch ganz vorne, der Scania 420 SCR auf Platz zwei und der Actros Euro V auf Platz drei. Im Mittelfeld hat sich wenig getan: Iveco (5.) und MAN (7.) hielten ihre Positionen, der Actros mit Euro VI verbesserte sich deutlich von Platz sechs auf vier. Nach dem mittlerweile dritten Fahrer- und Aufliegerwechsel zeigt sich bereits nach einem Jahr, dass sich die Fahrzeuge einander in ihren Praxis-Verbrauchswerten zwar annähern, sich aber dennoch erste Trends abzeichnen.

Der Renault, dessen Nachfolger ja bereits in den Startlöchern steht, bewährt sich ziemlich unabhängig von seinem Fahrer: Der Franzose ist immer ganz vorne mit dabei und zeigt sich auch in der Kostenstruktur beziehungsweise im Unfallgeschehen als äußerst unauffällig.

Alle unter 30 Liter

Das Gleiche gilt für den MAN. Abgesehen von den durch Unfälle verursachten Werkstattaufenthalten läuft er wie ein Uhrwerk und liegt nach absolutem Verbrauch immerhin gleich hinter den beiden Actros. DAF, Volvo und der 440-PS-AGRScania liegen zwar immer noch unter der 30-Liter-Marke, bilden aber in jeweils wechselnden Positionen nach zwölf Monaten beim Verbrauch die Schlusslichter. Wacker hält sich der Iveco, der mit seinem schmalen Haus zwar nicht gerade Liebling der Fahrer ist („Pizzablech“), aber dennoch stets über dem Felddurchschnitt liegt. Der Einfluss der Fahrweise ist nach wie vor der größte Faktor, wenn es um den Verbrauch geht. Leider ist es uns noch nicht möglich, zuverlässig ermittelte Durchschnittsgeschwindigkeiten zu berücksichtigen, sodass auch die gefahrenen Geschwindigkeiten mit in die Berechnung eingehen. Da die Fahrzeuge aber ohnehin alle auf 85 Stundenkilometer begrenzt sind, wären große Veränderungen im Ranking nach Wirtschaftlichkeitsfaktor kaum zu erwarten.

Sehr wohl können wir über Shell Fuel Save jedoch den Anteil an Leerlaufzeiten für jedes Fahrzeug sichtbar machen. Und da nun alle Kandidaten eine Standklimaanlage bekommen haben, werden wir unser Augenmerk auf die sogenannten Idle-Zeiten, also den Verbrauch durch Leerlaufzeiten im Stand für die Klimaanlage genau beobachten. Was hier im letzten Sommer zu beobachten war, nämlich ein signifikanter Anstieg der Motor-Leerlaufzeiten in den Monaten Juli und August über die gesamte bestof9.eu- Flotte, lässt die Vermutung zu, dass auch die Standklimaanlagen kaum ausreichen, den Schlafund Lebensraum der Piloten ausreichend zu kühlen. Zumindest dann nicht, wenn tagsüber geruht werden muss. Zu diesem Thema werden wir uns nach den Sommermonaten nochmals mit einem Special melden.


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